Ritter Balduin und der Drache! – Teil 2

Schnell war sein Reisegepäck in den Satteltaschen verstaut und die Karte schön säuberlich gefaltet in seinem Wams verstaut geschoben. Als er schon auf seinem Pferd Gundula saß, viel ihm der Stein wieder ein. Es konnte ja nicht schaden, ihn ein zu stecken. Also stieg er noch einmal ab und holte ihn. Jetzt im Tageslicht konnte er die Maserung deutlich erkennen. Es war eindeutig die Form eines Drachen.

Auf dem Weg aus der Stadt, machte er an dem Haus seiner Schwester halt. Er band Gundula am Stall an und klopfte an die Haustür. „Hallo Onkel Balduin!“ rief Lillit, Balduins jüngste Nichte. „Darf ich heute auf Gundula reiten?“
„Balduin, Bruderherz! Mit dir habe ich heute gar nicht gerechnet. Komm rein und iss mit uns!“ rief Julietta, seine Schwester von drinnen.
„Nein danke Juli. Ich habe schon gegessen. Ich bin nur gekommen, mich zu verabschieden.“ „Verabschieden?“ Julietta war an die Tür gekommen und schaute ihren Bruder verwundert an. „Wo willst du denn hin?“ „Äh, in die Berge. Ich will einen Drachen suchen!“ Sagte Balduin verlegen.
„Nimm mich mit!“ Rief Lillit begeistert. „Ich habe noch nie einen Drachen gesehen!“ „Drachen?“ Fragte Julietta etwas verwirrt und schob ihre Tochter zurück ins Haus.
„Ja Drachen!“ sagte Balduin und versuchte dabei selbstsicher zu klingen.
Seine Schwester schaffte es immer wieder, dass der sich klein und unsichere fühlte. „Drachenblut ist das einzige, was Prinzessin Serafina noch retten kann. Also ziehe ich aus und werde einen Drachen erlegen. Wofür bin ich denn schließlich Ritter geworden?!“
„Ich glaube, das Alleinsein bekommt dir nicht. Es wird Zeit, dass du dir eine Frau suchst. Die wird dir schon die Flausen aus dem Kopf treiben.“
„Ich bin nicht verrückt! Und ich werde einen Drachen finden! Du wirst es ja sehen!“
Wütend stampfte Balduin zu seinem Pferd zurück und stieg auf. Ohne sich noch mal um zu drehen ritt er aus der Stadt.

Je weiter er sich von der Stadt entfernte, desto mehr verrauchte seine Wut.
Nachdem ihre Mutter gestorben war hatte Julietta ihn fast alleine großgezogen. Ihr Vater war ein Taugenichts gewesen, der das Geld, welches er durch das Schmieden von Waffen und Werkzeugen verdiente mit seinen Kumpanen versoff.
Sie war es gewesen, die die Nächte, in denen er Albträume gehabt hatte, an seinem Bett gewacht hatte und sie war es auch gewesen, die ihn immer wieder getröstet hatte, wenn andere ihn geärgert hatten.
Diese Umstände hatten dazu geführt, dass in dem Leben seiner Schwester kein Platz mehr für Fantasie geblieben war. Dinge, die sich nicht erklären ließen, gab es auch nicht. Nein, Balduin konnte ihr nicht wirklich lange böse sein. Dafür liebte er sie zu sehr!

Nach 3 Tagen erschien am Horizont ein Berg, der die Form eines schlafenden Drachen hatte. Endlich! Er hatte den Drachenberg gefunden. Mit neuem Elan ritt er darauf zu.
Als er am Abend immer noch keinen Schritt näher gekommen zu sein schien, trübte sich seine Stimmung jedoch wieder.
Sein Essensvorrat wurde langsam knapp und das Wasser reichte auch nur noch für einen Tag. Eigentlich müsste er heute noch einen Fluss erreichen. Aber es war weit und breit nichts von ihm zu sehen. Entweder hatte er sich verirrt, oder die Karte stimmte nicht ganz. So hatte er sich die Drachenjagt aber nicht vorgestellt.

Was sollte er bloß machen? Weiterreiten und es riskieren, zu verdursten? Oder zurückkehren?
Vor 2 Tagen waren sie an einem kleinen See vorbeigekommen. Bis dahin könnte er es schaffen, wenn er Morgen früh sofort los ritt. Aber würde er sich dann noch einmal aufraffen und seine Suche fortsetzten?
Niedergeschlagen baute Balduin sein Zelt auf, gab Gundula eine knapp bemessene Ration Wasser und verzichtete selber auf seinen Anteil. Hungrig und durstig legte er sich schlafen.
Das Einschlafen viel ihm jedoch schwer. Wie sollte er sich entscheiden? Was war das vernünftigste? Sollte er es wirklich riskieren und dabei vielleicht sterben?
Irgendwann war Balduin dann doch in einen unruhigen Schlaf gefallen.

Am nächsten Morgen wurde Balduin von Gundula geweckt. Sie hatte ihren Kopf ins Zelt gesteckt und blies ihrem Ritter ins Gesicht.
„Ah, ja, Gundula. Ist ja schon gut. Ich stehe ja auf.“ Ungeschickt schälte Balduin sich aus seiner Decke und gab seinem Pferd zu trinken. „Ich weiß, dass du eigentlich mehr trinken müsstest, aber wir haben nicht mehr genug Wasser. Es tut mir leid.“
Aufmunternd klopfte er Gundulas Hals. „Aber immerhin wächst hier reichlich Gras und morgen sind wir an dem See, den wir auf dem Hinweg gesehen haben.“
Nachdem Balduin einen Schluck getrunken und eine Hand voll Nüsse gegessen hatte, ritt er los. Es viel ihm schwer, dem Berg den Rücken zu kehren. Aber es war vernünftiger so. Das wusste er!
Sie waren noch keine 5 Minuten geritten, da hielt Balduin es nicht mehr aus. Er drehte sich zu dem Berg um und er fühlte einen starken schmerz in seinem Herzen. Er konnte und wollte nicht vernünftig sein. Sein Leben lang war er immer vernünftig gewesen. Hatte nicht auf sein Herz sondern auf seinen Verstand gehört. Aber jetzt würde er auf sein Herz hören und er wusste, dass es die richtige Entscheidung war.

Eine halbe Stunde später sah Balduin eine Schlucht vor sich. Kurze Zeit danach stand er auf einem Felsvorsprung und schaute in die Schlucht hinunter und tatsächlich, dort war er, der lange ersehnte Fluss!
Nur wie sollte er da runter kommen? Er konnte keinen Pfad finden. Mit sinkendem Mut ritt er am Vorsprung auf und ab. Aber nirgends bot sich eine Möglichkeit.
Resigniert ließ er die Zügel los und sprach in seiner Verzweiflung zu Gundula: „Jetzt sind wir so nah am Wasser und müssen doch verdursten! Das kann doch nicht wahr sein. Hast du keine Lösung?“
Als ob sein Pferd ihn verstanden hätte, setzte es sich in Bewegung. Vor einem Gebüsch blieb sie kurz stehen. Dann stellte sie vorsichtig einen Fuß hinein und dann den zweiten. Langsam, aber stetig drang sie immer weiter in das Dickicht ein, bis sich vor ihnen ein schmaler Pfad öffnete. Behutsam begab sich Gundula an den Abstieg. Ein Weg, der den Namen Pfad eigentlich nicht verdiente, schlängelte sich abwärts. Immer wieder lagen größere Gesteinsbrocken im Weg und Balduin hatte den Eindruck, als würde der Weg dort enden, aber unbeirrt von den Hindernissen bahnte sich das Pferd seinen Weg zum Wasser.
Unten angelangt hatte Balduin Tränen in den Augen: „Ach du wunderbares Geschöpf! Du hast uns beiden das Leben gerettet. Einen besseren Freund als dich kann ich mir gar nicht wünschen.“
Nachdem beide ihren Durst gelöscht hatten und Balduin die Wasserschläuche gefüllt hatte, blickte sich Balduin erst einmal in Ruhe um. Etwa einen halben Tagesritt entfernt lag direkt am Fuß des mächtigen Berges ein kleiner Wald.
Aufgeregt holte er die Karte heraus und studierte sie eingehend. Dort am Waldrand musste Feenhain sein.
Gestärkt und mit neuem Mut ritt Balduin auf Feenhain zu. Was würde ihn dort erwarten? Würde dort wirklich noch jemand leben? Wohnten da wirklich Elfen und Feen?
Der Ritter musste sein Pferd gar nicht antreiben. Gundula schien von der Ungeduld ihres Reiters angesteckt worden zu sein und trabte zügig los.

Am frühen Nachmittag erreichten sie das Wäldchen. Noch war nichts von einer Siedlung zu sehen, aber sie sollte ja auch hinter dem Wald sein. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er langsam um den Hain herum ritt.
Und da lag es. Feenhain! Ein kleines Dorf mit 7 Häuschen. Die Häuser waren alle uralt, aber trotzdem sah alles schön gepflegt aus. Überall blühten wunderschöne Blumen, Schmetterlinge flogen herum und allerlei Getier lief frei herum. Es gab keine Zäune und die Haustüren standen alle offen.
„Was für ein merkwürdiger, herrlicher Ort.“ Dachte Balduin. Aber wo waren denn die Bewohner? Niemand war zu sehen.
Balduin war abgestiegen und führte Gundula an den Zügeln ins Dorf. „Hallo. Ist da jemand?“
Keine Antwort kam. Verunsichert ging Balduin weiter. Irgendetwas stimmte hier nicht. Wo waren denn die Bewohner?
Als er das andere Ende des Dorfes erreicht hatte sah er jemanden aus dem Wald treten. „Wer seid ihr Herr Ritter und was wollt ihr hier?“
„Ich bin Balduin und ich bin auf der Suche nach einem Drachen.“ Sagte Balduin. „Was ist denn mit dem Dorf hier los? Wo sind die Bewohner?“
Das alte Männchen schaute ihn neugierig an. „So, so. Ihr sucht also einen Drachen? Was wollt ihr denn von dem Drachen?“ „Unsere Prinzessin ist krank und nur Drachenblut kann ihr noch helfen. Deshalb muss ich einen Drachen finden. Aber was ist mit den Leuten hier. Wo sind sie?“
Der Alte kratzte sich den Bart und antwortete dann: „Wir Leute aus Feenhain, leben sehr zurückgezogen. Hier ist seit Jahren niemand mehr vorbeigekommen.

Wenn sich in den früheren Jahren einmal Fremde hierher verirrt haben, so waren es meistens Halunken, die nichts Gutes im Schilde führten. Deshalb ängstigen uns Fremde Menschen ein bisschen. Ihr müsst wissen, dass unser Dorf nur aus alten Männern und Frauen besteht und wir uns nicht mehr so gut verteidigen können.
Als wir euch kommen sahen, haben wir uns im Wald versteckt.“ „Aber warum hast du dich mir denn dann gezeigt?“ Fragte Balduin etwas skeptisch.
„Ich wollte herausfinden, was du hier suchst. Es hätte ja sein können, dass du Hilfe brauchst. Außerdem fühle ich, dass dein Herz gut ist und du uns nichts Böses willst.“
„Hilfe könnte ich wahrhaftig gebrauchen, schließlich suche ich einen Drachen und ich weiß nicht genau, wo ich anfangen soll zu suchen. Der Berg ist schließlich riesig. Außerdem wäre es schön, wenn ich hier bei euch übernachten und meine Vorräte auffüllen könnte.“
Wieder kratzte sich der alte nachdenklich am Bart, dann sprach er: „Ein Plätzchen zum schlafen wirst du hier auf jeden Fall finden, auch Proviant kannst du von uns reichlich haben, aber ob wir dir bei deiner Suche behilflich sein können, dass wird sich erst noch rausstellen.“

Bevor der Alte Balduin in sein Haus führte, brachten sie Gundula in einen offenen Stall. Dort standen ein Esel und drei Kühe friedlich nebeneinander und teilten sich das Heu. Was Balduin verwirrte, war die Tatsache, dass es nirgends einen Zaun gab und die Tiere auch nicht angeleint waren. „Laufen eure Tiere nicht fort, wenn ihr sie nicht anbindet?“
Der alte Mann blickte ihn verwundert an: „Warum sollten sie denn weg laufen? Ihnen geht es doch gut hier.“
Also band der Ritter sein Pferd auch nicht an. Er befreite Gundula vom Zaumzeug und Sattel und rieb sie gründlich ab. Dabei redete er freundlich mit ihr, wie er es sich im Laufe der Jahre angewöhnt hatte.
Als Balduin in der Hütte des alten Mannes saß und ihm der Duft von gekochtem Gemüse und allerlei Kräutern in die Nase stieg, merkte er erst so richtig, wie hungrig er war.
Es gab einen Gemüseeintopf und dazu Fladenbrot. Ihm fiel gar nicht auf, dass das Fleisch fehlte, so lecker war das Essen.
Nach dem Essen setzten sich die beiden Männer vor die Hütte und genossen den Sonnenuntergang. Hier und da sah Balduin eine oder einen Dorfbewohner vorübergehen, oder in der Nähe der Häuser arbeiten. Sie beachteten Balduin gar nicht.

Nach langem Schweigen, forderte der Alte, der übrigens Druidus hieß, Balduin auf seine ganze Geschichte zu erzählen. Also begann Balduin zu erzählen.
Besonders interessierte Druidus die Geschichte mit dem Stein und er bat Balduin, ihm den Stein zu zeigen.
Ehrfürchtig nahm Druidus den Stein in die Hand und betrachtete ihn von allen Seiten. „Dies ist wahrlich ein ganz besonderer Stein Herr Ritter. Ihr könnt euch glücklich schätzen, ihn zu besitzen. Gebt gut acht auf ihn.
Als Balduin mit seiner Geschichte geendet hatte fragte er nach einigem Zögern: „Es heißt, hier in Feenhain gibt es Feen und Elfen. Ist das wahr?“
Der alte beäugte ihn prüfend, dann stellte er eine Gegenfrage: „Glaubt ihr denn an solche Wesen?“
Darauf wusste Balduin keine rechte Antwort. Er wünschte es sich sehnlichst, das es Drachen, Elfen und Feen gab, aber glaubte er wirklich daran?
„Ich sehe schon, Balduin, ihr zweifelt, wie viele Menschen. Der Fehler der Menschen ist, dass sie nur an das glauben, was sie sehen, anstatt an das zu glauben, was ihnen ihr Herz sagt.

Geht jetzt schlafen, ihr hattet eine anstrengende Reise. Manchmal helfen einem die Träume, klarer zu sehen.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Druidus von dem Ritter und schlurfte in seine Hütte.
Nachdenklich blieb Balduin noch einen Augenblick sitzen. Er hatte das Gefühl, als habe der Alte ihm etwas Wichtiges mitgeteilt, aber er wurde sich nicht klar darüber was.
Nachgrübelnd über dass, was Druidus ihm gesagt hatte ging er zum Stall herüber und tätschelte Gundula die Flanken. „Ach meine Gute, ich werde einfach nicht schlau aus dem alten Kauz. Ich habe das Gefühl, als wolle er mir helfen, aber ich spüre, dass er mir etwas verheimlicht. Und warum beantwortet er mir nicht einfach meine Fragen.
Gundula schaute ihn mit ihren großen dunklen Augen an und es war so, als ob sie ihn verstanden hätte…..

(Fortsetzung folgt)

Eure Yona ♥

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