Ritter Balduin und der Drache! – Teil 4

„Bitte, bitte Drache tu mir nichts!“ wimmerte Balduin.

Der Drache, der sich von seinem Hustenanfall wieder erholt hatte, senkte seinen Kopf und schaute den Ritter argwöhnisch mit seinem großen Auge an. „Wieso sollte ich dich verschonen und warum sprichst du meine Sprache?“ „Ich? Ich spreche doch die ganz normale Menschensprache. Aber warum kannst du denn sprechen?“ „Nein, die Menschensprache kenne ich. Du aber sprichst in Drachensprache. Von wem hast du sie gelernt?“ Erwiderte der Drache. „Von niemandem! Wenn ich die Drachensprache sprechen würde, wüsste ich das ja wohl!“ Sagte Balduin, der seine Angst ganz vergessen hatte.

„Warum streite ich mich eigentlich mit so einem Knirps wie dir? Verrate mir lieber, warum ich dich verschonen soll. Dann kann ich dich endlich verspeisen.“ Fauchte der Drache und leckte sich dabei seine Krallen. „Warum du mich leben lassen sollst? Weil ich Prinzessin Serafinas Leben retten muss. Dafür brauche ich Drachenblut. Das ist das einzige, was noch hilft hat die Heilerin gesagt. Falls es nicht schon zu spät ist!“ „Oh je. Dann muss es ja wirklich schlimm um sie stehen.“ Erwiderte der Drache mitfühlend. „Aber das ist doch kein Grund, sich heimlich an zu schleichen und mich mit dem Zahnstocher zu kitzeln.“   „Ja, wie soll ich denn sonst an Drachenblut kommen? Außerdem hast du mein Pferd gefressen. Sie war meine beste Freundin. So ein tolles Pferd finde ich bestimmt nie wieder!“ Antwortete der Ritter Wahrheitsgemäß. „Dein Pferd habe ich nur etwas erschreckt. Eigentlich wollte ich dich erschrecken, aber du warst ja nicht mehr da. Das habe ich aber erst später gemerkt. Nachdem dein Pferd den Berg hinunter geflohen ist.“ Sagte der Drache mit einem verschmitzten Lächeln.

„Dann lebt Gundula also! Hoffentlich hat sie sich bei ihrer Flucht nicht verletzt!“ rief Balduin voller Hoffnung. „Bis zu dem Moment, als du mich angreifen wolltest ging es ihr noch recht gut. Ich habe sie nämlich von oben aus beobachtet. So, jetzt zu deiner Prinzessin. Ist sie es Wert, dass du für sie ihr Leben riskierst? “ Ohne nach zu denken, antwortete Balduin mit: „Ja“ „Und wo lebt sie?“ Fragte der Drache. „Einige Tagesritte von hier Richtung Osten, auf der Burg Friedenstor“. Ohne jede Vorwarnung packte der Drache den Ritter mit seinen Krallen, stieß sich vom Fels ab und flog los. Erschrocken schrie Balduin auf. „Aahhhhh. Lass mich los! Ich dachte, wir sind jetzt Freunde!“ „Ich glaube, du willst nicht wirklich, dass ich dich jetzt los lasse. Oder? Schau doch mal runter!“ Rief der Drache dem Ritter zu und lachte Laut auf.

Mit weit aufgerissenen Augen sah Balduin nach unten und er wusste nicht mehr, ob er lieber in den Tod stürzen oder vom Drachen gegrillt und gefressen werden wollte. Der Flug wollte und wollte kein Ende nehmen und Balduin fror erbärmlich. Hier oben über den Wolken war die Luft viel kälter und der Flugwind tat sein übriges dazu. Nach ca. 2 Stunden landeten sie auf einer Lichtung. Sanft setzte der Drache den Ritter ab und setzte sich neben ihn. „Was hast du vor? Willst du mich erfrieren lassen, damit du mich anschließend als Eiszapfen aufschlecken kannst?“ Fragte Balduin am ganzen Körper zitternd. „Tut mir leid.“ Brummte der Drache schuldbewusst. „Ich habe nicht bedacht, dass Menschen eine so dünne Haut haben.“ Mit seinem Schwanz holte er einige morsche Äste und Zweige heran und setzte sie in Brand. „Hier, wärme dich einen Moment auf. Bevor es weiter geht.“ „Bevor es weiter geht?“ Fragte Balduin entsetzt. „Du willst doch nicht etwa noch mal mit mir fliegen?“ „Natürlich! Wenn wir zu fuß gehen, kommen wir garantiert zu spät. Außerdem ist es besser, wenn ich möglichst nicht gesehen werde. Wir würden zu viel Aufregung verursachen.“

„Du willst mir also helfen, die Prinzessin zu retten, obwohl ich versucht habe, dich zu töten? Du bist wahrhaft ein edles Wesen. Jetzt bin ich froh, dass ich es nicht geschafft habe, dich zu überrumpeln!“ Rief Balduin voller Inbrunst und umarmte den Hals des Drachen. Es waren nur einige Minuten vergangen, da drängte Balduin zum Aufbruch. „Nanu! Eben wolltest du nicht mehr fliegen und jetzt kannst du es gar nicht mehr abwarten, in die Luft zu kommen.“ Lachte der Drache. „Na komm. Steig auf meinen Rücken. Dort ist es mit Sicherheit bequemer und wenn du dich eng an mich schmiegst bekommst du auch nicht so viel Wind ab.“ Ungeschickt stieg Balduin auf den Rücken seines neuen Freundes und hielt sich an einem Halsstachel fest. Kaum saß er richtig, da ging es schon los. Mit den Hinterbeinen drückte sich der Drache kräftig ab und erhob sich in die Luft. Balduin hielt sich krampfhaft fest und hielt die Luft an. Immer höher hinauf ging es und der Wald war bald nur noch ein kleiner Punkt hinter ihnen. Langsam entspannte sich Balduin etwas und er sah fasziniert zu, wie die Landschaft unter ihnen sich veränderte. Sie flogen über kleine Berge, an einem großen Fluss vorbei und immer wieder über große Grasflächen. Um vereinzelte Dörfer machte der Drache, einen großen Bogen. Er wollte nicht Gefahr laufen, entdeckt zu werden und für Aufruhr sorgen.

Auf dem Rücken der Riesenechse war es nicht ganz so kalt, wie in seinen Klauen, aber trotzdem fror der Ritter erbärmlich. So kam es, dass er bei einer Rechtskurve, die der Drache beschrieb, um einem Dorf auszuweichen, welches plötzlich hinter einer Bergkuppe auftauchte, den Halt verlor. Seine steif gefrorenen Finger lösten sich unweigerlich von dem Stachel und er rutschte vom Hals herunter.

Der Drache, der spürte, dass Balduin rutschte, legte sich in eine Linkskurve, aber es war zu spät. Wie ein Blitz stürzte er sich nach unten und bekam Balduin einige Meter vor dem Boden zu fassen. Mit aller Kraft bremste er den Sturzflug ab. Es fehlte nicht mehr viel und sie hätten eine schmerzhafte Bruchlandung hingelegt, aber der Drache konnte sich im letzten Moment fangen und mit einigen starken Flügelschlägen gewannen sie wieder an Höhe. Hinter der nächsten Bergkuppe landete Der Drache und setzte Balduin ab. Sanft stupste er den Ritter mit einer Nase an. „Hey, Balduin. Was ist los mit dir? Geht es dir gut?“ Balduin hatte bei dem Sturz kurzfristig das Bewusstsein verloren und kam gerade erst wieder zu sich. „Ahhh? Bei mir dreht sich alles und mir ist schlecht! Außerdem friere ich.“ Stöhnte er erbärmlich.

„Hier gibt es nichts, was ich in Brand setzen könnte, außerdem ist im Tal ein Dorf und ich möchte sie nur ungern auf uns aufmerksam machen. Aber ich decke dich mit meinem Flügel zu. Das wird dich etwas wärmen. Ruh dich aus. Wenn es dunkel wird, werden wir zu dem Fluss dahinten fliegen und unseren Durst löschen.“ Es dauerte einige Zeit, bis die Wärme in seine Glieder zog und er viel in einen unruhigen Schlaf. Zwei Stunden später weckte der Drache Balduin. „Hey, mein kleiner Freund. Es ist Zeit, auf zu brechen. Ich habe Durst und außerdem sollten wir die Dunkelheit nützen, dann müssen wir nicht so hoch fliegen.“ Balduin fühlte sich wie gerädert und hätte sich am liebsten nicht gerührt, aber der Durst zwang ihn schließlich doch dazu, auf zu stehen. „Schaffst du es, auf meinen Rücken zu steigen, oder soll ich dich in meinen Klauen halten?“ Fragte der Drache besorgt. „Ich versuche auf zu steigen.“ Stöhnte Balduin und zog sich mühsam auf den Drachen. Er brauchte drei Versuche, bis er endlich saß.

Vorsichtig und dicht am Boden entlang flogen sie bis zum Ufer des Flusses. Dort ließ er seinen kleinen Freund wieder absteigen. Balduin stolperte kraftlos zum Wasser, legte sich auf den Bauch und schöpfte mit den Händen das Wasser. Ihm war, als hätte er nie etwas Besseres getrunken. Nachdem er seinen Durst gelöscht hatte, wäre er fast wieder eingeschlafen, aber eine große, kalte Nase stupste ihn an und vereitelte das. „Nicht einschlafen Balduin. Das Gebiet hier ist dichter besiedelt und wir müssen die Nacht zum Fliegen nützen.“ Also stieg Balduin wieder auf den Rücken des Drachen, legte seinen Kopf an den Hals und schlang seine Arme um ihn. „OK! Es kann losgehen!“ Dachte Balduin eher, als dass er es aussprach. Aber der Drache schien ihn verstanden zu haben. Vorsichtig hob er ab, beschrieb eine weite sanfte kurve, und flog weiter.

Sie waren noch nicht lange geflogen, da döste der Ritter schön wieder ein. Er wachte immer wieder kurz auf und meinte eine Stimme in seinem Kopf zu hören. Sobald er aber wach wurde konnte er sich nicht mehr so genau daran erinnern. So ging es die ganze Nacht lang. Am frühen Morgen steuerte der Drache einen Wald an, kreiste kurz und flog dann runter auf eine Lichtung. Bevor er aber nach unten flog rief er Balduin zu: „Halt dich fest. Wir landen!“ Ohne richtig wach zu werden klammerte sich Balduin an dem Hals des Drachen fest und schon ging es abwärts. „Hier sollten wir sicher sein. Lass uns etwas schlafen.“ Sprach der Drache, rollte sich zusammen, legte seinen Flügel schützend über Balduin und war sofort eingeschlafen. Auch Balduin, der sich an den Drachen schmiegte, schlief sofort ein.

Einige Stunden später erwachte Balduin, weil sein Magen knurrte. Die Sonne schien durch die dünne Haut des Flügels und Balduin fragte sich, wie spät es wohl sei. Um den Drachen nicht auf zu wecken hob Balduin vorsichtig den Flügel an und schlüpfte darunter hervor. Nachdem er sich etwas umgesehen hatte, fand der Ritter einige Pilze und Beeren, die er sich sofort in den Mund steckte. Es schmeckte köstlich! Nachdem er die umliegenden Sträucher geplündert hatte, ging er weiter in den Wald hinein und fand weitere Sträucher. Außerdem hörte er ein leises Plätschern. Er folgte dem Geräusch und gelangte schließlich an einen kleinen Bach! Nachdem Balduin seinen Durst gestillt hatte wusch er sich in dem Klaren Wasser die Hände und das Gesicht. Für mehr reichte das kleine Rinnsal leider nicht. So gerne hätte er sich mal wieder gründlich gewaschen. Als er gerade fertig war hörte er ein Knacken hinter sich und jemand sprach zu ihm: Lass mir auch noch was über, kleiner. Meine Kehle ist ganz trocken.“ Der riesige Kopf des Drachen bahnte sich einen Weg durch das Gestrüpp und er begann, laut schlürfend zu trinken.

Zurück an der Lichtung fragte Balduin: „Sag mal, haben Drachen eigentlich einen Namen?“ Verwundert blickte ihn der Drache an. „Natürlich haben wir Namen. Wir sind ja schließlich Drachen und keine wilden Tiere!“ „Und wie lautet dein Name?“ „Ich heiße Grrraaan!“ Erwiderte der Drache. „Grrraaan. Der Name passt. Er klingt nach was Großem, Mächtigem! Ich heiße übrigens Balduin.“ „Balduin! Der Name klingt freundlich. Hat der Name auch eine Bedeutung?“ Fragte der Drache „Nein, meine Mutter war als junge Frau verrückt nach einem berühmten Barden, der so hieß. Deshalb erhielt ich diesen Namen. Ich glaube mein Vater war nicht sehr begeistert davon!“ „Bei uns haben die Namen immer eine Bedeutung. Wir bekommen sie nicht von unseren Eltern, sondern sie sind einfach da!“ „Das verstehe ich nicht. Wie können sie denn einfach da sein? Irgendjemand muss euch doch den Namen geben.“ „Der Wind trägt den Namen zu uns. Die einen erhalten ihn sofort nach dem sie geschlüpft sind. Andere müssen Jahre darauf warten.“ „Hast du lange auf deinen Namen Warten müssen?“ Fragte Balduin. „Nein. Meinen Namen hatte ich von Anfang an. Er bedeutet, der Letzte! Es ist eine große Bürde, ihn zu tragen. Wenn ich sterbe, dann gibt es hier in diesem Land keine Drachen mehr.“

Eine Weile herrschte betretenes Schweigen, dann fragte Balduin: „Wie mag es Gundula, meinem Pferd wohl gehen? Ob sie es geschafft hat, den Berg wieder runter zu kommen? Hoffentlich geht es ihr gut!“ „Als wir vom Berg weggeflogen sind, ging es ihr noch gut. Ich habe gesehen, wie sie den schmalen Pfad runter lief. Sie ist bestimmt irgendwo am Fuße des Berges uns genießt das gute Graß. Und wenn die Bewohner von Feenhain sie finden, werden sie sich um sie kümmern. Da kannst du dich drauf verlassen.“

Wieder herrschte für einige Zeit Schweigen und wieder brach Balduin es als erster. „Kennst du die Leute, die dort leben? Ich habe noch nie ein Dorf wie dieses erlebt. Ich glaube, dort gibt es Elfen und Feen.“ „Du bist der erste Mensch, zu dem ich wirklich Kontakt habe. Ich habe diese Menschen immer nur von weitem gesehen. Aber sie sind wirklich anders, als anderswo. Sie leben mit ihrer Umwelt im Einklang. Die Tiere, die sie halten, sind freiwollig bei ihnen und für jede Pflanze, die sie pflücken bedanken sie sich. Außerdem sind sie alle Heiler und Priester. Vielleicht ist dir auch aufgefallen, dass es dort nur alte Menschen gibt. Tatsächlich sind sie aber noch viel älter, als sie aussehen. Wie alt genau sie sind, weiß ich auch nicht, aber einige gab es schon als ich gerade geschlüpft bin.“ „Und wie lange ist das jetzt her?“ Fragte Balduin neugierig. „Hmmmm“ Der Drache kratzte sich nachdenklich. „Also das ist jetzt… Tja, wie lange ist das jetzt schon her? Es muss jetzt über 200 Jahre her sein.“

„Was?“ rief Balduin aus. So alt kann doch kein normaler Mensch werden!“ „Nein, ein Normaler Mensch wohl nicht. Aber das sind ja auch keine normalen Menschen. Sie haben eine starke Bindung zu den Naturwesen, wie den Elfen und Feen, die dort im Wald leben und ich glaube, das ist der Grund, warum sie so alt werden“ Bis zum Abend blieben Grrraaan und Balduin im Wald. Dann machten sie sich auf den Weg zur Burg Friedenstor. Wieder fror Balduin, aber er hielt tapfer durch. Nachdem sie die halbe Nacht geflogen waren, landete Grrraaan. „Kommt dir die Gegend langsam bekannt vor?“ Fragte der Drache. „Es ist zu dunkel um wirklich etwas erkennen zu können. Aber das da hinten am Horizont könnte tatsächlich die Burg Friedenstor sein.“ Erwiderte Balduin und blickte angestrengt zu der Stadt.

Grrraaan hatte es sich bequem gemacht und schaute Balduin fragend an. „So mein kleiner Freund, wir sind jetzt bald da. Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, wie du mich zur Prinzessin kriegen willst, ohne die Stadt in Panik zu versetzen.“ Balduin drehte sich zu Grrraaan um und schaute ihn an. „Ääähhhh. Daran habe ich noch gar nicht gedacht.“ gab Balduin etwas verlegen zu….

(Fortsetzung folgt)

Eure Yona ♥

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